TALEA-GEBIRGE-SCHNITT

Α. Der Talea-Gebirge-Schnitt: eine 250 Millionen Jahre lange Reise in die Vergangenheit

 

Das Kouloukonas-Gebirge, auch Talea Ori genannt, befindet sich im nördlichen Teil des Naturparks Psiloritis. Nur in dieser Region Kretas finden sich die ältesten Gesteine der Einheit der "plattenförmigen Kalke" (Plattenkalke), und zwar in umgekehrter Abfolge, d.h. älteres Gestein überlagert jüngeres. Dies ist auf den gewaltigen Druck zurückzuführen, dem diese Gesteine vor Millionen von Jahren ausgesetzt waren und der sich heute in zahllosen
Faltungen und Brüchen
Folgt man einem Weg von der Nordküste ins Landesinnere des Mylopotamos-Tals, unternimmt man eine imaginäre Reise von etwa 250 Millionen Jahren in die geologische Vergangenheit Kretas. In Straßeneinschnitten, an Berghängen und in engen Schluchten treten sämtliche Gesteine der Einheit der Plattenkalke zutage: Faltungen, Verwerfungen, Fossilien sowie zahlreiche natürliche und kulturelle Besonderheiten der Region.

A1. Die "Hochdruck"-Fossilien von Fodele 

An den Straßenhängen der Nationalstraße Heraklion-Chania finden sich in metamorphosierten Dolomiten einige der ältesten Fossilien Kretas in nahezu perfektem Erhaltungszustand. Es handelt sich um Fossilien von Korallen, Bryozoen und Brachiopoden, die etwa 300 Millionen Jahre alt sind. Die sie enthaltenden Gesteine lagen vor ca. 23 Millionen Jahren in einer Tiefe von mehr als 30 Kilometern im Erdinneren, wo sie zu Marmor umgewandelt wurden. Trotz des enormen Drucks und der hohen Temperaturen, denen sie ausgesetzt waren, sind die Fossilien von Fodele bemerkenswert gut erhalten.

A2. Permzeitliche Fossilien von Bali

Die ältesten Gesteine der Einheit der Plattenkalke treten rund um den Küstenort Bali zutage. Es handelt sich vor allem um dunkle Schiefer und Dolomite, in denen an einigen Stellen Fossilien aus der Permzeit (ca. 300 Millionen Jahre alt) gefunden wurden. Dazu zählen Trilobiten, Korallen, Crinoiden und Schnecken.

A3. Die Talea-Ori-Sektion 

Die Gebirgskette des Kouloukonas (Talea Ori) besteht vollständig aus Gesteinen der Einheit der Plattenkalke. Sie ist die einzige Region auf Kreta, in der sowohl die ältesten Gesteine dieser Einheit (z.B. die Gesteine von Fodele) als auch nahezu die gesamte Abfolge sichtbar sind.
Die kurvige Straße, die vom Dorf Sisses an den Nordhängen des Kouloukonas bis ins Tal von Mylopotamos führt, bietet eine geologische Zeitreise über 250 Millionen Jahre hinweg.
Sie beginnt bei den dolomitischen Marmorformationen von Fodele (ca. 300 Mio. Jahre alt), verläuft über die weißen Marmore von Sisses (ca. 250 Mio. Jahre alt), den seltenen, gebänderten Stromatolith-Dolomit (ca. 220 Mio. Jahre alt), weiter über die weißen Marmore und grauen Dolomite der Bergrücken (ca. 180 Mio. Jahre alt) bis zu den typischen Plattenkalken mit ihren kieseligen Einschaltungen im Mylopotamos-Tal (150 bis 50 Mio. Jahre alt).
Das Besondere an diesen Gesteinen ist, dass sie vor etwa 23 Mio. Jahren unter enormem Druck stark gefaltet und dabei umgekehrt wurden, so dass jüngere Gesteine von älteren überlagert sind. Besonders hervorzuheben ist der Stromatolith-Dolomit, der von Cyanobakterien in sauerstofffreien Umgebungen gebildet wurde.
Diese Organismen, wie vor 2 Milliarden Jahren und auch heute an den Küsten Australiens, binden Eisenoxide und setzen wie bei der Photosynthese Sauerstoff frei. So entstehen gebänderte Dolomite mit rötlich gefärbten Eisenablagerungen und grauem Dolomit.

A4. Faltungen von Vosakos 

Entlang der Strecke vom Dorf Kato Doxaro zum Kloster Vosakos treten verschiedene Gesteine der Plattenkalk-Einheit zutage: typische Plattenkalke, gelbliche Schiefer des Gigilos-Typs und weiße massige Marmore mit Stromatolithen. Besonders beeindruckend sind jedoch die Faltungen in den Plattenkalken, einige der spektakulärsten auf Kreta.
Der enorme Druck vor 23 Mio. Jahren erzeugte eine Vielzahl von Faltungen in unterschiedlichster Form und Größe, die entlang der Straßeneinschnitte auf etwa einem Kilometer Länge sichtbar sind. Von zentimetergroßen bis meterhohen Strukturen, von schwachen Verformungen bis zu vollständigen Faltungen wird das Gestein und mit ihm die Topographie zerknittert. 
Die Faltungen werden durch den Wechsel von weißen kieseligen Einschaltungen und grauem Marmor noch betont und gehen oft mit beeindruckenden Verwerfungen einher.
Die schöne Landschaft des Geropotamos-Tals mit dem malerischen Dorf Doxaro, den traditionellen "Mitata" (Steinhütten) und Dreschplätzen sowie den Faltungen kann man auf dem entsprechenden Wanderweg erkunden, der bis zu den Hängen des Kouloukonas ansteigt und die Straße nach Vosako erreicht.

    

A5. Unterwasserquellen von Bali 

Die karbonatischen Gesteine im gesamten Psiloritis-Gebiet ermöglichen es dem Wasser, über große Strecken unterirdisch zu fließen und manchmal direkt ins Meer zu gelangen. Ein solches Phänomen findet sich in verschiedenen Buchten bei Bali, wo kleine Unterwasserquellen aus Höhlen entspringen. Diese Quellen sind besonders, da sie bidirektional funktionieren: Im Winter und Frühjahr geben sie Süßwasser ab, während sie im Sommer Meerwasser aufsaugen.
Studien zeigen, dass ein Teil des Süßwassers von den Hochplateaus des Psiloritis stammt.